Katharina Zweig: Warum KI mehr Aufklärung als Ehrfurcht braucht
Die Informatikerin entzaubert Algorithmen, ohne sie kleinzureden. Eine Stimme für eine Gesellschaft, die KI verstehen will, statt sie nur zu nutzen.

Katharina Zweig gehört zu den wenigen Wissenschaftlerinnen, die komplexe KI-Themen so erklären, dass man sie noch in der Bahn weitererzählen kann. Dieses Portrait ist Teil unserer Journal-Serie über Menschen und Quellen, die KI im deutschsprachigen Raum verständlich, nutzbar und diskutierbar machen.
Inhalt
Wenn Katharina Zweig auf die Bühne kommt, passiert etwas Ungewöhnliches: Der Saal beruhigt sich. Nicht, weil ihre Botschaft beruhigend wäre, sondern weil sie verständlich ist. Zweig nimmt KI ernst, ohne sie zu verklären, und sie misstraut den Vereinfachungen auf beiden Seiten – der Heilsversprechen wie der Schreckensbilder.
Eine Informatikerin mit ungewöhnlicher Reichweite
Katharina Zweig ist Professorin für Informatik an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität (RPTU) Kaiserslautern-Landau, wo sie das Algorithm Accountability Lab leitet. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf algorithmischen Entscheidungssystemen – also dort, wo Software über Menschen mitentscheidet: in Kreditvergaben, in der Justiz, in Personalauswahl, in Empfehlungssystemen.
Bücher, die KI in den Alltag holen
Mit ihrem Buch «Ein Algorithmus hat kein Taktgefühl» (2019) hat Zweig vielen Menschen einen Einstieg in die Logik moderner Entscheidungsalgorithmen verschafft, lange bevor ChatGPT die Debatte mehrheitsfähig machte. In «Die KI war's!» (2023) folgte eine Auseinandersetzung mit Fragen von Verantwortung, Vorhersagen und der Frage, was passiert, wenn Maschinen Entscheidungen treffen, die wir Menschen ihnen überlassen.
„Algorithmen haben kein Taktgefühl. Aber sie übernehmen unsere Entscheidungen."
Aufklärung statt Ehrfurcht
Zweigs Haltung ist dabei eigenwillig pragmatisch. Sie verteidigt KI gegen pauschale Dämonisierung, ohne sie zu verkaufen. Sie kritisiert übermäßige Hoffnungen, ohne in Kulturpessimismus zu kippen. Wer ihr zuhört, hört vor allem eines: dass Mathematik und Demokratie keine Gegensätze sind. Wer entscheiden will, ob ein algorithmisches System eingesetzt werden soll, muss verstehen, was es tut. Das ist Aufklärung in einem klassischen Sinn – mit Statistik und Verantwortungsethik im Gepäck.
Wo ihre Stimme besonders trägt
Die Debatten, in denen Zweig prominent auftritt, reichen vom Bundestag über die ARD-Talkshows bis zu Tech-Konferenzen. Sie war Mitglied der Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz des Deutschen Bundestages und hat damit unmittelbar an einer der grundlegenden politischen Einordnungen der Technologie in Deutschland mitgewirkt. Diese Erfahrung schlägt sich in ihrer Fähigkeit nieder, technische Details so zu übersetzen, dass sie auch in einer politischen Diskussion handlungsleitend werden können.
Gute Einstiege
Buch: «Ein Algorithmus hat kein Taktgefühl», Heyne Verlag, 2019 – verständlicher Einstieg in algorithmische Entscheidungen.
Buch: «Die KI war's!», Heyne Verlag, 2023 – Fortschreibung mit Fokus auf generative KI und Verantwortung.
Lehrstuhl: Algorithm Accountability Lab an der RPTU Kaiserslautern-Landau – Publikationen und Forschungsthemen.
Vorträge & Interviews: zahlreiche öffentlich verfügbare Aufzeichnungen, u. a. von re:publica, TEDx und in ARD/ZDF-Formaten.
Was man von ihr mitnehmen kann
Führungskräfte gewinnen Sprache für ein Thema, das oft unbeholfen formuliert wird. Innovationsteams lernen, eigene KI-Vorhaben anhand wirkungsorientierter Fragen zu prüfen: Welche Entscheidung trifft das System? Wer trägt die Verantwortung, wenn sie falsch ist? Welche Daten dürfen wir dafür wirklich verwenden? Marketingteams gewinnen ein Korrektiv gegen Buzzwords.
Anschluss an Prismeo
Für Prismeo ist KI dann interessant, wenn sie Räume eröffnet – nicht zwingend digitale. Räume, in denen Teams gemeinsam überlegen, was sie wollen, was sie verantworten können und was sie lieber lassen. Katharina Zweigs Arbeit liefert dafür einen verlässlichen Boden.
Weitere Porträts dieser Serie findest Du im Prismeo Journal.
Wenn aus einem Gedanken ein Format werden soll, zeigen wir Dir gern den passenden Raum.
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